Nils Westerboer belegte in Juli mit seinem Roman “Lyneham” den ersten Platz und war bereits 2022 auch mit “Athos 2643” in unserer Liste zu finden. Höchste Zeit also, ihn als Partner für das Monatsinterview zu gewinnen. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Nils, beschreib dich doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Plan → Plot → Planet
Was sind deine aktuellen Projekte und was sind deine größten Leidenschaften?
laufende Projekte:
- kurzes Gras
- korrigierte Aufsätze
- Schuhe im Flur sortiert
- satte Kinder
- 1000 Wörter vor Tagesende
Leidenschaften:
- gemäht zu haben
- korrigiert zu haben
- aufgeräumt zu haben
- Nudeln gekocht zu haben
- geschrieben zu haben

Was ist das Besondere an deinem Buch “Lyneham”?
Die Besiedelung einer fremden neuen Welt aus der Sicht eines Kindes. Und die Sicht seiner Mama, die sich dafür entschieden hat, das Kind (und seine Geschwister) nie wieder zu sehen.
Womit prokrastinierst du am liebsten?
Keks aus der Dose holen, Brotkasten öffnen, reinschauen und schließen, Kaffeemaschine anschalten, Kühlschrank öffnen, reinschauen und schließen, noch einen Keks holen.
Welches deiner Bücher sollten wir jetzt sofort aus welchem Grund lesen?
„Lyneham“ – damit es nicht Wirklichkeit wird.
Und welches Buch (nicht von dir) sollte jede*r von uns lesen?
Allzeit: “Ronja Räubertochter”. Hier ist das ganze Leben drin und fast alles, was darüber zu wissen ist.

Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Auf jeder Seite mindestens ein Ui! Oder ein Aha! Wenigstens ein Oha! Je älter ich werde, desto geiziger bin ich mit der Zeit. Kein Buchstabe zu viel! Ein perfektes Buch tut so, als würde es dich einlullen („Yeah, eine Abenteuergeschichte, das kauf ich!“), um dann an deinen Gewissheiten zu kratzen, wenn du es nicht kommen siehst. Gutes Beispiel aktuell: „Die Horde im Gegenwind“ von Alain Damasio, 2004 ein Hit in Frankreich, jetzt kongenial ins Deutsche übertragen von Milena Adam.
Hattest du schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Ich hab immer Schreibblockade. Jeder Anschlag geht gegen die Blockade. Wenn gar nichts mehr geht: Zwei Minuten den Grove von „Come as you are“ trommeln. Oder die Keks-Hol-Schleife (s.o.) durchlaufen.
Es gibt den Ausspruch: „I hate writing, but I love having written.“ Das trifft es ziemlich gut. Es ist eine Qual, ein Kampf, ein Schrecken ohne Ende. Aber auch eine Droge. Im Grunde hilft nur eins: Aufhören.
Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Die Frage übersteigt mein Kompetenzraster. Aber was ich (vor allem als Lehrer) jeden Tag sehe: Die Auseinandersetzung mit Büchern (also langen, linearen Texten) hilft beim Bildungserfolg und bei der Entwicklung eines reichen, kommunizierbaren Seelenlebens und der Empathie. Die Unmöglichkeit, per Hyperlink oder Wisch ständig abzubiegen, zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Da-Seienden, so wie es ist.
Keine Technik wird das ablösen, ohne dass wir alle wie bei Wall-E enden und die meisten auf dem Weg dahin den Zerstörern von Humanismus, Freiheit und Demokratie applaudieren. Das Schrumpfen der Aufmerksamkeitsspannen hat bedrohliche Ausmaße erreicht – wo kein Gehirn mehr ist für tiefgründige Beschäftigung, siegen Rohheit, schnelle „Lösungen“ und reaktionäres Denken. Ja, die technologische Entwicklung, die globale Zugänglichkeit von Wissen, bietet riesige Chancen für Aufklärung und Freiheit. Doch die Oberflächlichkeit des Umgangs mit unserer Aufmerksamkeit gefährdet das alles im gleichen Maß.
Der Literaturbetrieb trägt eine Teilverantwortung dafür, als das, was er ist, weiter zu existieren: Als Quelle sorgfältig recherchierten, verantworteten Wissens oder in klugen Erzählungen, die herausfordern und Horizonte erweitern – anstatt nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen nicht.
Wie siehst du die Zukunft in 100 Jahren?
Ich Im schönsten Fall haben wir (von den Maschinen?) gelernt, wieder mehr im Einklang mit den Ökosystemen zu leben und, wie auch immer, zum Frieden gefunden. Zu befürchten ist aber: Die an den Stürmen, der Hitze und der Trockenheit am meisten Schuldigen werden sie weitgehend unbeschadet überstehen. Der große Teil der Unschuldigen nicht.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!

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