Für das Autor*inneninterview des Monats konnten wir Jonas Martin gewinnen! Jonas belegt mit seinem Roman “Die beste Geschichte aller Zeiten – Die Jagd nach tausend Geschichten” in der aktuellen Bestenliste den fünften Platz und war bereits 2023 mit dem ersten Teil der Reihe “Die beste Geschichte aller Zeiten – Die Bibliothek der tausend Geschichten” in der Bestenliste vertreten. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Jonas, beschreib dich doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Ich bin Geschichtenerzähler.
Was sind deine aktuellen Projekte und was sind deine größten Leidenschaften?
Wie eine Geschichte erzählt werden soll, ergibt sich meist durch die Geschichte selbst. Deshalb nenne ich mich lieber Geschichtenerzähler und nicht Schriftsteller. Es käme einem Korsett gleich, müsste ich mich auf das Wort allein beschränken. Sind Bilder und Klänge nicht ebenso wirkmächtig, vielleicht sogar unmittelbarer? Die Form folgt der Idee. Dabei entstehen Romane oder Kurzgeschichten, Illustrationen, Liedtexte und Musik für meine Band “Koenix”, Musikvideos, Bühnenshows, Musiktheater – und hoffentlich bald das Hörbuch für den ersten Band meiner Romanreihe. Aktuell arbeite ich an Band drei der Reihe und an der Hörbuchfassung für Band eins.

Was ist das Besondere an deiner Buchreihe “Die beste Geschichte aller Zeiten”?
Es sind fantastische Romane, doch keine klassische Fantasy. Aus meiner (natürlich voreingenommenen) Sicht liegt ihr Reiz in der verträumten, zwar unbesonnenen, aber aufrichtigen Hauptfigur, die sich in einem frühindustriellen Setting voller magischer Geschichten und epischer Erzählduelle bewegt. Dabei wird sie in alle möglichen Abenteuer hineingezogen und erfährt, wie stark Geschichten und Narrative die Sicht auf die Welt beeinflussen. Gleichzeitig spielt die Unterdrückung einer Minderheit eine starke Rolle – in der Romanwelt ist es die von linkshändigen Menschen.
Womit prokrastinierst du am liebsten?
Mit übertriebenem Worldbuilding. Für den ersten Band habe ich ein halbes Lexikon geschrieben, Musikthemen für meine Hauptfiguren komponiert und jede Menge Karten angefertigt, die es nie in den Roman geschafft haben. Mein Traum wäre ja, ein ganzes Universum um eine erschaffene Welt herum entstehen zu lassen: Der Roman im Zentrum und darum herum Bücher, Musik, Videos, Games, Spin-Offs, all das. Aber dafür müsste ich erst einen Koffer mit ein paar Millionen Dollar finden.

Welches deiner Bücher sollten wir jetzt sofort aus welchem Grund lesen?
Da ich erst zwei Romane geschrieben habe, die erst noch zusammengehören, empfehle ich euch dringend, sogleich Band eins zu verschlingen. Es ist zwar nicht die beste Geschichte aller Zeiten, aber zumindest handelt sie von ihr. Und bestimmt drängt euch zu wissen, warum in dem Roman die meisten Geschichten verboten sind, was passiert, wenn man ein verbotenes Buch liest und weshalb Büchersucht ungeahnte Folgen nach sich ziehen kann.
Und welches Buch (nicht von dir) sollte jede*r von uns lesen?
Es gibt zu viele gute Bücher und zu wenig Zeit. Wenn ihr also nicht viel Zeit habt, lest „Der Atem einer anderen Welt“ von Seanan McGuire. Die ersten drei Novellen der englischsprachigen Serie „The Wayward Children“ wurden auf Deutsch übersetzt.
Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Wenn die Geschichte mit uns in Resonanz tritt und nach der Lektüre etwas zurückbleibt, das wir mit uns weitertragen. Deswegen ist das hochgradig individuell. Es gibt nicht das perfekte Buch für alle, aber für jede*n gibt es perfekte Bücher.

Hattest du schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Zeit. Ich war nie begeistert von dem Ratschlag aus Schreibratgebern, man solle einfach schreiben, auch wenn man dabei Müll produziere. Das hat mich immer mehr frustriert, als dass es geholfen hätte. Lieber lege ich ein Projekt beiseite und arbeite an einem anderen. Und wenn mir überhaupt nichts mehr einfällt, arbeite ich eben an gar nichts. Dabei spreche ich natürlich aus der luxuriösen Position eines Erzählers, der nicht von seiner Kunst leben muss.
Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Es wäre schön, wenn Phantastik in Deutschland nicht per se als Unterhaltungsliteratur abgetan würde. Genre hat nichts mit dem literarischen Wert zu tun. Darüber hat sich schon Michael Ende beklagt. Seither hat sich zwar einiges getan. Trotzdem spüre ich oft diesen leicht abwertenden Ton, sobald über Fantasy geschrieben oder gesprochen wird.
Wie siehst du die Zukunft in 100 Jahren?
Ehrlich gesagt käme ich mir unseriös vor, eine so ferne Zukunft prognostizieren zu wollen. Ich fürchte allerdings, KI wird die Welt grundlegend verändern. Überdies glaube ich, dass das, was wir heute „Arbeit“ nennen, in hundert Jahren so nicht mehr existieren wird. Entscheidend wird sein, ob wir als Menschheit in der Lage sein werden, uns auf ein gemeinsames Narrativ zu einigen. Etwas, woran wir alle glauben. Die Menschenrechte wären ein schöner Anfang. Ein Leben in Würde für alle.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!

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