Für das Autor*inneninterview des Monats haben wir für April Marie Meier in petto, die mit “Der letzte Schlüssel – Seelengrube” den zweiten Platz in der aktuellen Bestenliste belegt. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Marie, beschreib dich doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Kreativ, analytisch, empathisch.
Was sind deine aktuellen Projekte und was sind deine größten Leidenschaften?
Derzeit schreibe ich am dritten Teil der Reihe »Der letzte Schlüssel«. Daneben noch an einem anderen Projekt, in dem es um phantastische Pflanzen und Höhlen voller Monster geht, die zwischen der Protagonistin und ihrem Lebenstraum stehen. Ich hoffe, dass ich da bald mehr zu verraten kann. Wenn ich nicht schreibe, bereite ich derzeit die Gartensaison vor. Ich pflanze Erdbeeren, verfluche Wühlmäuse, fliehe vor Wespen und säe Karotten.

Was ist das Besondere an deinem Buch “Der letzte Schlüssel – Seelengrube”?
»Seelengrube« wirkt auf den ersten Blick wie magisch angehauchte Far-Future-Science-Fiction im Stil von »Es war einmal vor langer Zeit in einer weit entfernten Galaxis…«. Arges ist mit seinen sozialpolitischen Problemen und seinen Akteur*innen aber oft nur einen gedanklichen Katzensprung von unserer Gesellschaft entfernt. Und die Figuren verhandeln zwar an der Oberfläche Fantasyprobleme wie mangelndes magisches Training, haben aber eigentlich mit Dingen zu kämpfen, die jede*n von uns betreffen können: Depressionen, Geldnot oder Ausgrenzung aufgrund von Sexualität, sozialer Schicht, Bildungsstand, Alter, dem Äußeren etc.
Ich denke, das Besondere an »Seelengrube« ist, dass man es lesen kann, um sich von Monstern und Magie unterhalten zu lassen. Aber unter Raumschiffantrieben und kosmischen Kräften ist eine ziemlich nahbare Erzählung über ein ehemaliges Arbeiterkind in einem elitären Bildungsumfeld, und eine Welt, in der Banden zu bilden die einzige Möglichkeit ist, um nicht vom System zermalmt zu werden.
Womit prokrastinierst du am liebsten?
Ich vergrabe mich ganz tief in einem äußerst nischigen Hobby – und gern auch jedes Jahr ein anderes. Als ich »Seelengrube« geschrieben habe, habe ich mich mit Stricktechniken aus anderen Ländern beschäftigt. Letztes Jahr habe ich mir zig Bücher dazu durchgelesen, wie man einen naturnahen, insektenfreundlichen Garten anlegt (und setze das seitdem um). Seit einiger Zeit versuche ich all die Feinheiten von Buchsatz zu lernen, die heute im Buchbetrieb gar nicht mehr relevant sind, weil alles stark vereinfacht wurde. Ich liebe diese Miniaturwelten an Wissen.
Welches deiner Bücher sollten wir jetzt sofort aus welchem Grund lesen?
»Seelengrube« − und die Begründung steht etwas weiter oben. Zumal die Fortsetzung Anfang Mai erscheint, da lohnt sich ein zeitnaher Blick in den ersten Band. Davon abgesehen empfehle ich meinen (aktuell) neusten Roman »Lunarcoast: Mord unter dem Hexenmond«, weil er eine magische Parallelgesellschaft zeigt, wie sie vermutlich tatsächlich existieren könnte – bürokratisiert, voller hierarchischer Gefälle, mit intersektionaler Verbindung zwischen magischer und ganz realer Marginalisierung.

Und welches Buch (nicht von dir) sollte jede*r von uns lesen?
N. K. Jemisins »Die Wächterinnen von New York« (The City We Became), das aktuelle politische Themen (Gentrifizierung, Polizeigewalt, Rechtsextremismus, Rassismus etc.) gekonnt mit einer fesselnden Urban-Fantasy-Story verbindet. Ich liebe Jemisins Werke generell sehr, aber gerade hier passt ihr treibender Schreibstil perfekt zum Pulsschlag der großen Metropole, über die sie schreibt.
Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Für mich ganz persönlich verspricht das perfekte Buch an der Oberfläche zuerst vor allen Dingen eines: gute Unterhaltung. Ein fesselnder Plot oder eine Bande kurioser Figuren trägt einen durch die Erzählung. Jenseits der Oberfläche wartet aber eine tiefere Auseinandersetzung mit ernsthafteren Themen, die die Geschehnisse in unserer Welt kommentiert, ergänzt oder durch einen Perspektivwechsel bereichert. Ich bin leidenschaftliche Phantastikleserin, und die beste Phantastik sorgt dafür, dass ich mich nicht von den Seiten losreißen kann und dass ich ganz tief in eine andere Welt einsteige. Sie gibt mir aber zugleich das Gefühl, etwas über die Welt, in der ich lebe, gelernt zu haben.
Hattest du schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Wenn ich Schreibblockaden habe, liegt das in der Regel daran, dass ich versuche, mehr Kunst zu erschaffen als ich zuvor zu mir genommen habe. Die Geschehnisse in ›unserer Welt‹ inspirieren mich – auf gute wie auf schlechte Weise. Aber um daraus eine Geschichte machen zu können, muss ich selbst genug lesen, Filme gucken, Videospiele spielen … also Kunst in all ihren Facetten aufnehmen. Ansonsten bleibt mein Blatt leer.
Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Es sollte mehr auf Vielfalt geachtet werden – in jeder Hinsicht. Derzeit wird auf englischsprachige Trends gesetzt. Wenn Fae-Prinzen und Drachenreiter im englischsprachigen Raum trenden, dann erscheinen kurz danach Werke mit exakt diesen Themen und kleiner Variation aus der Feder von deutschen Autor*innen. Ich wünsche mir, dass wir innerhalb des deutschsprachigen Literaturbetriebs mehr Innovation fördern.
Kopfschmerzen bereitet mir auch die große Bereitschaft des Literaturbetriebs, mit generativer KI zu arbeiten – nicht nur in Form von KI-Covern, sondern auch mit KI, die bei Manuskripten die Vorauswahl betreibt und sie auf Bestsellertauglichkeit prüft. Ich wünschte, die Buchbranche – oder eigentlich jede Branche – würde nicht auf einen Algorithmus aus voreingenommenen und überdies gestohlenen Daten setzen.
Und als dritter Punkt: Ich bin es so leid, dass Phantastik noch immer als Unterhaltungsliteratur und Eskapismus abgetan wird. Science-Fiction scheint sich mittlerweile eher als »würdige Literatur« etabliert zu haben, aber es gibt so viele Menschen, die beides schreiben, und beides mit demselben sozialkritischen Kern versehen. Und dann soll eines davon wertvoll sein und das andere eskapistisch? Ich versteh’s nicht.
Wie siehst du die Zukunft in 100 Jahren?
Das hängt ganz stark davon ab. Schaffen wir es als Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren, die Kurve zu kriegen? Beenden wir unseren Flirt mit dem Faschismus und trennen uns endlich von unserer toxischen Langzeitliebe, dem Spätkapitalismus? Meine Prognosen sind nicht so rosig, aber ich werde nach Kräften mithelfen, dass wir in zehn Jahren sagen können: Puh, das ist ja noch einmal gut gegangen.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!

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