Tom und Stephan Orgel belegen als Autorenduo T. S. Orgel mit ihrem Roman “Deadly Ever After – Blut und Schnee” aktuell den ersten Platz. Die Brüder waren bereits 2017 und 2019 mit ihren Romanen “Die Blausteinkriege II – Sturm aus dem Süden” und “TERRA” in unserer Liste vertreten. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Thomas und Stephan, beschreibt euch doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Stephan: „Rothaarig, Glatze, widersprüchlich.“ Oder nein, philosophischer: „Ich bin ich“. Oder…? Ach herrje, ein Autor und sich kurzfassen. Wie soll denn das bitteschön gehen?
Tom: Und Stephan ist der von uns beiden, der sich kurzfassen kann … Okay, drei Worte:
„redefreudig, kaffeesüchtig, unkonzentriert“.
Was sind eure aktuellen Projekte und was sind eure größten Leidenschaften?
Tom: Im Moment arbeiten wir an verschiedenen Baustellen. Zum einen arbeiten wir gerade mehrere Exposés aus – wobei wir finden, dass es wieder mal Zeit für epische Fantasy wird. Daneben feilen wir aber auch am Plot für einen weiteren Band der “Schattensammlerin”, sammeln Plotpoints für eine Fortsetzung von “Deadly Ever After” – und haben uns irgendwie eine Handvoll Kurzgeschichten eingetreten, die im Laufe des Jahres auch noch geschrieben werden wollen.
Was unsere größten Leidenschaften angeht: Zumindest beim Schreiben sind es wohl Underdogs, Dialoge und das Spielen mit Tropes und Klischees (idealerweise in Form von Unterwanderung).

Was ist das Besondere an eurem neuen Buch “Deadly Ever After – Blut und Schnee”?
Stephan: Im Grunde ist “Deadly Ever After” ja ein klassischer Fantasyroman, allerdings in einer Welt, in der alle Märchen wahr sind und alle Märchenfiguren gleichzeitig leben. Da wäre Schneewittchen, die zur weißen Kaiserin aufgestiegen ist, Streich, der es vom einfachen Schneider bis zum Fürsten geschafft hat, Linde eine böse Stiefmutter mit einer zwielichtigen Vergangenheit, Zwerge, Glückskinder und Hexen… Neben einer spannenden Geschichte macht es beim Lesen vor allem auch Spaß, die verschiedenen Märchen und Märchenfiguren wiederzuerkennen. Manchmal ist das gar nicht so einfach, denn nicht jede Person ist die, die sie zu sein scheint.
Tom: Wichtig war uns hier – einmal mehr – der Gedanke, dass alle Figuren, einschließlich der Antagonisten, ihre eigene Agenda haben, und ihre eigenen Beweggründe. Und sich so gut wie niemand selbst für ‚böse‘ hält.
Womit prokrastiniert ihr am liebsten?
Tom: Kaffee. Okay, aber ernsthaft: Wie die meisten Schreiberlinge vermutlich: Zuviel Social Media. Daneben: Serienmarathons auf diversen Streaming-Plattformen und gelegentliche Ausflüge auf 4546b in Subnautica (das dann mit meinen Söhnen).
Stephan: Reisen und Krav Maga. Das eine hat nicht unbedingt mit dem anderen zu tun, aber beide Begriffe in einem Satz zu lesen, regt schon ein bisschen die Fantasie an. Und dafür sind wir Autoren ja da. Außerdem hat Tom natürlich recht: Kaffee. Ich besitze eine Handmühle in der ich liebevoll meditativ meinen Kaffee für den Espresso mahle. Überhaupt habe ich mich, nur um mich irgendwie vor dem Schreiben drücken zu können, inzwischen schon zu einem kleinen Profibarista gemausert (wobei das gelogen ist, weil ich nur so einen einfachen Bialetti-Mokkakocher benutze).

Welches eurer Bücher sollten wir jetzt sofort aus welchem Grund lesen?
Stephan: Natürlich “Deadly Ever After”, weil es unser neuestes ist. Aber falls Ihr Wert auf spannende Erzählungen mit geschichtlichem Hintergrund legt, empfehlen wir Euch “Die Schattensammlerin”. Darin erfahrt Ihr eine Menge verbürgter, ziemlich schräger Fakten über den alten Herrn Geheimrat und Dichter Goethe. Zum Beispiel, dass er eine Zeitlang Schillers Schädel in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt hatte oder unbedingt Mitglied bei den Illuminaten werden wollte (was dort nicht so recht gewürdigt wurde, da man ihn für einen ziemlichen Schwätzer hielt). Von diesem Roman gibt es übrigens auch ein extrem gelungenes Hörspiel.
Tom: Wenn euch allerdings mehr nach Science-Fiction ist, dann wohl “TERRA” und “BEHEMOTH” (ja, sie hängen lose zusammen), in denen es um die Besiedlung des Sonnensystems bzw. des Weltalls geht – und nebenbei um KI und die Frage, wie man Ente im All druckt.
Und welches Buch (nicht von euch) sollte jede*r von uns lesen?
Tom: Ich empfehle – wenn ich nur eines wählen darf – Terry Pratchetts „Guards! Guards!“, weil es der perfekte Einstieg in dessen süchtig machenden Scheibenweltzyklus bietet und damit über 40 Bände clevere Sprache, intelligente Fantasy und scharfsinnige Sozialkommentare.
Stephan: „The Road“ von Cormac McCarthy, weil es eine der besten Dystopien überhaupt ist und weil ich McCarthys Schreibstil liebe.

Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Stephan: Das ist schwer zu sagen. Man möchte meinen, dass eine spannende Story das Wichtigste ist. Aber es gibt Bücher, die bleiben für immer in Erinnerung, obwohl darin so gut wie gar nichts passiert – einfach weil die Atmosphäre so unglaublich dicht ist. „Kentucky Blues“ von Lana Witt war für mich so ein Beispiel, das die langsame Lebensweise in dieser Region der USA so perfekt beschrieben hatte, dass man sich beim Lesen förmlich im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen gesehen hat.
Ich denke, ein perfektes Buch muss es schaffen, einen irgendwie so sehr in seinen Bann zu ziehen, dass man die Zeit vergisst. Entweder ist es die spannende Story oder die Atmosphäre oder beides zusammen. Vielleicht ist es auch ein Stück weit Magie. Wer weiß das schon so genau.
Tom: Ich weiß nicht, ob es das perfekte Buch gibt, aber aus meiner Sicht sollte ein gelungenes Buch zwei Dinge erfüllen. Erstens: Es sollte unterhalten. Es gibt eine Menge wichtiger, intelligenter Bücher – die unglaublich trocken sind und es ihren Lesern damit unnötig schwer machen. Und Zweitens: Man sollte etwas Neues lernen. Einen neuen Blickwinkel, einen neuen Gedanken, nützliches (oder unnützes) Wissen, zur Not auch menschliche Abgründe.
Hattet ihr schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Tom: So gut wie nie. Das ist einer der Vorteile des Schreibens als Team: wenn einer von uns in seinem aktuellen Abschnitt hängt, reicht ein Gespräch (oft genug ein Telefonat). Oft genug reicht es, seine Gedanken laut auszusprechen, um selbst herauszufinden, wo das Problem, die Blockade liegt. Und wenn nicht – dann hat der andere sicherlich eine Idee. Was eine Leseblockade angeht – nein?
Stephan: Was die Leseblockade angeht, da hatte ich eine ganze Zeit lang mal überhaupt keine Lust auf Fantasy mehr (klingt komisch für einen Fantasy-Autoren, ich weiß). Aber Joe Abercrombie mit seiner “Klingen-Saga” hatte mich dann wieder geheilt.
Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Stephan: Ach, wo fange ich denn da am besten an? Da gibt es so viele Dinge. Wenn du nach den großen Verlagen und Buchhändlern fragst: Die ruhen sich meiner Meinung nach immer noch zu sehr auf ihrer einstigen Marktmacht aus. Sie müssen lernen, wieder mehr zum Dienstleister am Autoren zu werden. Heutzutage ein Buch zu verkaufen, ist lange nicht mehr so einfach wie früher, aber man darf da trotzdem nicht zögerlich rangehen. Ohne die nötige Portion Mut wird man als Verlag keine neuen Meisterwerke mehr finden. Man muss schon selber Trends setzen und nicht irgendwelchen angeblichen Trends hinterherhecheln. Einen nächsten Umberto Eco findet man wohl eher nicht als Influencer auf Instagram oder TikTok.

Wie seht ihr die Zukunft in 100 Jahren?
Tom: Vermutlich nicht mehr persönlich. Ansonsten haben wir tatsächlich einiges davon schon in unseren SF-Roman “TERRA” gepackt, der etwa zur kommenden Jahrhundertwende spielt. Wenn wir uns nicht selbst vernichten (die Möglichkeit besteht ja immer), werden wir mit den Folgen des rasanten Klimawandels zu kämpfen haben. Aber – um ein wenig optimistisch zu sein – wir haben immer noch gute Chancen auf eine etwas utopischere Zukunft, wenn wir die Wissenschaftsfeindlichkeit nicht gewinnen lassen. Vermutlich werden es noch keine Kolonien auf anderen Planeten, allenfalls auf dem Mond – aber wir werden sie besuchen. Wenn wir zusammenarbeiten, zumindest.
Stephan: Ein spannendes Thema finde ich die rasante Entwicklung von KI und Robotik. Werden sie uns in Zukunft die Arbeit erleichtern oder werden wir überhaupt noch Arbeit haben? Müssen wir denn überhaupt noch arbeiten? Vielleicht haben die Menschen ja dann plötzlich die Zeit, wirklich nur noch Dinge zu tun, die ihnen Spaß machen. Und vielleicht funktioniert das ja sogar und sie verdummen nicht einfach nur. Die Vorstellung, in einer U.S.S. Enterprise durch den Weltraum zu jetten, um neue Welten zu entdecken, klingt eigentlich ziemlich verlockend. Wobei das in 100 Jahren möglicherweise noch nicht ganz so weit ist. Aber als Autor träumt man natürlich von so etwas.
Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt!
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