Für das Autor*inneninterview des Monats konnten wir Jan Wüst gewinnen, der mit seinem Debüt “Deep Black Box” in der aktuellen Bestenliste Platz sechs belegt. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Jan, beschreib dich doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Weltoffen, hinterfragend, familienorientiert.
Was sind deine aktuellen Projekte und was sind deine größten Leidenschaften?
Aktuell bastele ich an einem neuen Thriller, der – wie auch mein aktuelles Projekt – in der nahen Zukunft spielt und ein viel zu wenig beachtetes Problem unserer Gesellschaft thematisiert: Vereinsamung und soziale Isolation. So etwas zu analysieren und zu verstehen, interessiert mich. Außerdem mag ich es, als Betrachter in fiktive Welten einzutauchen. Und ich liebe es, eigene Universen zu erschaffen. Darum gehört Geschichten schreiben zu meiner größten Leidenschaft. Solange irgendwo eine Tastatur in Reichweite ist, kann ich wilde Orkhorden entfesseln, fremde Planeten erkunden, Maschinen eine Seele einhauchen und ganz nebenbei den Finger in gesellschaftliche Wunden legen. Das macht nicht nur Sinn, sondern auch irre viel Spaß!

Was ist das Besondere an deinem Buch “Deep Black Box”?
„Deep Black Box“ ist ein dystopischer Thriller, der sich im Kern mit einer hochbrisanten Frage beschäftigt. Wohin entwickelt sich die Menschheit im Zeitalter hyperintelligenter Maschinen? Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt, die vom Klimakollaps, digitaler Überwachung und politischer Radikalisierung geprägt ist. Erzählt wird sie aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven. Aus Sicht von Helen, einer Investigativjournalistin, die in der Megametropole Ruhr City lebt, und aus Sicht von Alma, einer kleinen Kreatur, die in einem künstlichen Habitat ums Überleben kämpft. Für beide wird die Begegnung mit einem rätselhaften pechschwarzen Würfel zum Wendepunkt. Sie geraten in den Einflussbereich einer künstlichen Intelligenz, die beginnt, eigene Schlüsse zu ziehen und ihre Schöpfer zu hinterfragen.
Womit prokrastinierst du am liebsten?
Mit guten Büchern und Filmen aus allen nur denkbaren Genres und – häufiger als mir lieb ist – mit all den tollen Beiträgen von Menschen aus meiner kleinen Bookstagram-Bubble, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind.
Und welches Buch (nicht von dir) sollte jede*r von uns lesen?
„Homo Deus“, von Yuval Noah Harari ist eines der Bücher, das mir lange und nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist. Das ist kein Roman, sondern ein Sachbuch, das auf sehr unterhaltsame, philosophische und erschreckend plausible Weise die Zukunft der Menschheit und ihr Bestreben nach einer gottgleichen Existenz skizziert. Wer wissen will, was (spätestens!) die Kinder unserer Kinder erwartet, wird in diesem klugen Werk mit hoher Wahrscheinlichkeit fündig.
Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Ich lass mich gerne überraschen. Deshalb bietet das perfekte Buch vielschichtige und gerne auch ambivalente Charaktere mit versteckten Plänen, dunklen Geheimnissen oder einer verborgenen Agenda. Und natürlich werden sie in völlig unvorhersehbare, unbequeme oder skurrile Situationen hineingeschleudert. Denn dann wird’s meistens erst so richtig interessant.

Hattest du schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Eine komplette Blockade hatte ich noch nicht, aber ich bin immer dann schreibgehemmt, wenn meine Tage völlig überladen sind mit viel zu vielen Verpflichtungen und Terminen. Um kreativ zu sein, brauche ich einfach eine gesunde Portion Leere im Kopf und im Terminkalender, dann trauen sich auch wunderbare Ideen und Sätze aufs Papier.
Bei der Leseblockade ist es anders. Meist brauche ich nach Büchern, die mir gar nicht gefallen, etwas Abstand vom Lesen insgesamt. Und oft hilft mir nur, den Fehlgriff abzubrechen und etwas Zeit, um die Enttäuschung sacken zu lassen, bis ich mich an die nächste Geschichte wage.
Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Ich wünsche mir etwas mehr Mut zum Neuen und Unbekannten von den Entscheider*innen im Literaturbetrieb und will das gern an zwei Erlebnissen festmachen.
Eine Literaturagentur lehnte mein Manuskript von „Deep Black Box“ ab, weil meine Hauptfigur „zu unsympathisch“ sei. Das an den ersten zwei Seiten festzumachen, funktioniert aber nicht bei jeder Geschichte und zeigt, wie eindimensional und eingeengt entschieden wird, was Leser*innen schmecken darf.
Und kürzlich habe ich in einer Buchhandlung mein Buch vorgestellt. Die Ladenbesitzerin meinte, Science-Fiction liegt bei ihr wie Blei im Regal und lehnte ab. Und während ich im Hintergrund ihr Regal mit Werken von George Orwell, Frank Herbert und Andreas Eschbach betrachte, schaut sie mich mitleidig an und fragt, ob ich denn wenigstens noch einen anderen Beruf als das Schreiben habe. Da war ich dann kurz sprachlos. Kleine Künstler wie ich brauchen kein Mitleid, sondern eine faire Chance UND eine Bühne, um zu zeigen, was für tolle Geschichten abseits vom Mainstream existieren.
Wie siehst du die Zukunft in 100 Jahren?
In 100 Jahren werden wir Menschen erleben, die nach Unsterblichkeit streben und sich mithilfe von genetischen und technischen „Plugins“ zu Übermenschen und Halbgöttern optimieren. Wir werden Maschinen erleben, die menschliche Arbeitskräfte in nahezu allen bekannten Tätigkeiten ersetzen. Zwei Dinge wird uns Menschen niemand nehmen: Kunst und menschliches Miteinander. Wir werden erleben, dass der Einfluss einzelner Staaten massiv erodiert. An ihre Stelle werden bestens vernetzte Konzerne treten. Unsere Nachfahren werden zudem ein komplett anderes Ökosystem als das heutige erleben und dank technologischer Quantensprünge, sehr viel gezielteres Terra- und Weatherforming betreiben. Wem das alles zu sehr nach Dystopie klingt, dem sei gesagt: Wir Menschen werden auch in 100 Jahren noch selbst darüber entscheiden, aus all diesen Entwicklungen eine Hölle oder ein Paradies zu formen.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!
Wo ist Jan Wüst zu finden?
Ich lebe im Allgäu. Wer persönlich mit mir über phantastische Literatur oder den Weltuntergang philosophieren möchte und einen Abstecher ins Unterallgäu plant, kann sich gern via Mail oder PN auf Instagram bei mir melden.
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