Für das Autor*inneninterview des Monats konnten wir Joachim Sohn gewinnen, der mit “Merleau – Eine Mondbogengeschichte” in der aktuellen Bestenliste Platz neun belegt. Das Interview führte Aşkın.

Hallo Joachim, beschreib dich doch bitte als Einstieg in drei Worten.
Optimistischer ungeduldiger Weltenbauer.
Was sind deine aktuellen Projekte und was sind deine größten Leidenschaften?
Mit dem hochgeschätzten Autoren- und Illustratorenkollegen Holger Much habe ich ein Kinderbuch fertiggestellt, das, wenn alles gut läuft, im Herbst auf dem BuCon das Licht der Welt erblicken wird. Zudem wartet seit langem ein neues Abenteuer meiner Katzendetektive “Sunnie & Polli” auf seine Veröffentlichung. Das Manuskript befindet sich aktuell noch im Lektorat und wird hoffentlich dann im vierten Quartal 2026 der Fangemeinde der beiden anarchistischen Kater vorgestellt werden können. Zudem habe ich je einen Beitrag zu den Anthologien “20 Jahre Edition Roter Drache” und “10 Jahre Edition Outbird” abgegeben, die ebenfalls im Herbst erscheinen sollen. Für den Roten Drachen habe ich eine Illustration erstellt und für den Outbird eine kleine romantisch-schaurige Gothic Novel geschrieben, die, wie ich jüngst erfahren habe, von der ebenso hochverehrten Florentine Joop mit einer ganz zauberhaften Illustration bekleidet wird.
Danach wird’s kompliziert. Eigentlich plane ich schon seit einer Weile, mit einem umfangreichen, gesellschaftskritischen Science-Fiction-Roman zu starten. Wenn mir da nicht ständig neue andere Ideen dazwischenkämen. Sowohl für eine Fortführung des Kinderbuchs mit Holger als auch für eine weitere “Mondbogengeschichte” bitzelt es in meinem Kopf. Und die Kater haben ja auch noch einiges erlebt. Es ist ein Graus. Ach ja, und die “Zeitagenten” gibt es ja auch noch. Da plane ich mit der Veröffentlichung von Band 3 in 2027. Zudem habe ich nach einem Jahrzehnt einen Verlag gefunden, der mit mir ein episches Tierfantasy-Abenteuer veröffentlichen will. Endlich!
Ach so, meine größten Leidenschaften? Am liebsten denke ich mir Geschichten aus. Außerdem irgendwas mit Katzen.

Was ist das Besondere an deinem Buch “Merleau – Eine Mondbogengeschichte”?
Die Mondbogenwelt. Von dort kommen Tiere, die die Fähigkeit besitzen, über zeitliche Grenzen hinweg Botschaften aus einer vergangenen Zeit in die jetzige zu übermitteln, um Menschen zu retten. Angefangen hat es mit dem Vorgängerbuch „Die Nacht des Mondbogens“. Darin erhält die pensionierte Geschichtslehrerin Irène Beaudoire Botschaften eines Raben von ihrer verstorben geglaubten großen Liebe Frederic, der nie aus dem Krieg zurückgekehrt ist. So erhält sie die Möglichkeit herauszufinden, was damals passiert ist. Dank des Raben kann sie mit ihm kommunizieren. Und ihn vielleicht sogar retten? In Merleau steige ich tiefer in die Mondbogenwelt ein. Diesmal erhalten der Kommissar Benjamin Merleau und seine Assistentin Véronique Colbert von den Tieren des Waldes Hinweise auf Notizzetteln, die bei der Lösung ihres aktuellen Falles, einem vermissten Mädchen, helfen sollen. Dabei wird vor allem Merleau immer tiefer in die Mondbogenwelt hineingezogen, die ihn schließlich mit sich selbst konfrontiert. Das besondere an den Tieren aus der Welt ist, dass es keine anthropomorphen Wesen sind, die sprechen können. Die Fähigkeit, Botschaften aus der Vergangenheit zu überbringen, ist Teil ihrer Natur. Sie tun es einfach, verhalten sich dabei aber vollkommen tierisch. Widerspenstig, scheu, neugierig und hungrig. Katzen kommen darin übrigens bislang nicht vor. Daran muss sich unbedingt etwas ändern!
Womit prokrastinierst du am liebsten?
Mit Schreiben. Ich müsste eigentlich längst meine Bude mal renovieren. Und dann die lästige Hausarbeit. Stattdessen fuddel ich hier mal rum und da. Und wenn ich so gar keine Lust auf Staubwischen und so schreckliche Dinge habe, dann verziehe ich mich auf mein Sofa und denke mir neue Welten und Abenteuer aus. Irgendwie hat sich daran seit meinem siebten Lebensjahr nichts geändert. Das einzige, das mich vom Schreiben abhalten kann, ist kochen. Auch das ist eine sehr beruhigende Beschäftigung und man kann sich dabei so schön neue Szenen und Dialoge ausdenken. Und Katzen.

Welches deiner Bücher sollten wir jetzt sofort aus welchem Grund lesen?
Ich meine, die Zeitagenten hätten es noch mehr verdient, gelesen zu werden. Aktuell überarbeite ich Band drei, der hoffentlich nächstes Jahr endlich kommen wird. Damit schließe ich einen Zyklus ab, der mich geschichtlich seit Jahren beschäftigt, und der auch die Zeitagenten beschäftigt. Nämlich wie aus Glauben Wirklichkeit wird und wie diese Wirklichkeit dazu führen kann, dass Menschen sich deswegen gegenseitig die Köpfe einschlagen. Eingebettet in spannende Zeitreise-Abenteuerromane behandle ich so zum Beispiel in Band 1 die Belagerung der Katharerburg Montségur durch die französische Armee, ein Bürgerkrieg der römischen Kirche, um den Glauben der Katharer auszulöschen. In Band 2, Propaganda der Tat geht es um den Kampf der Anarchisten im 19. Jahrhundert gegen die Nutznießer der französischen Revolution, bei dem auch viele Unschuldige ums Leben kamen. Und schließlich behandle ich in Band 3 einen Ritualmord auf dem Monte Verità und den Aufstieg des atlanditischen Weltbildes, das im 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit zu den bekannten Konflikten zwischen den unterschiedlichen Fronten führte, in den Reformbewegungen der Gründerzeit jedoch einen gemeinsamen Ursprung hatte. Kurz, es geht um den Kampf zwischen links und rechts, zwischen Esoterik und Vernunft, zwischen Glaube und Wissenschaft. Noch kürzer, zwischen der hellen und der dunklen Seite der Macht, wobei – und da liegt der Kern meines Interesses – beide Seiten jeweils zur hellen Seite gehören und die gegnerische zur dunklen. In meinen Star Wars Büchern ist das übrigens ganz ähnlich. Und selbst Sunnie und Polli, die a priori zur guten Seite gehören, machen nichts anderes, als sich auf rebellischste und zeitgleich höchst charmante Weise gegen Willkür aufzulehnen. Nun muss man sich bei meinen Büchern nur noch entscheiden, ob man es eher lustig, abenteuerlich oder philosophisch mag.
Und welches Buch (nicht von dir) sollte jede*r von uns lesen?
Vielleicht eines oder welche, die mich selbst zum Nachdenken und letztlich zum Schreiben gebracht haben. Zum Beispiel „Das Buch, in dem die Welt verschwand“. Ein historischer Abenteuer- und Kriminalroman von Wolfram Fleischhauer, in dem ein junger stellvertretender Ermittler im 18. Jahrhundert verschiedene mysteriöse Morde aufklären soll. Mit „dem Buch“ ist Kants Kritik der reinen Vernunft gemeint, und mit der Welt, die der Mystik, des Aberglaubens und der Inquisition. Die Geschichte spielt also in einer Zeit, als die Aufklärung begann, mittelalterliches Denken abzulösen. Letztendlich versuchen Kräfte der Kirche die Freiheit des Denkens aufzuhalten. Das große Problem aller Ideologien, die sich leider bis in unsere Zeit hineinziehen und gerade wieder eine ungeahnte Blüte erleben, aller Vernunft und Aufklärung zum Trotz. Es ist für mich unbegreiflich, wie so etwas wieder geschehen kann. Aber der Aberglaube scheint nach wie vor eine große Anziehungskraft auf den Menschen auszuüben. Die Bücher, die die Menschen zur Vernunft gebracht haben, sind alle schon geschrieben. Scheinbar kommt immer wieder eine Zeit, in der sie in Vergessenheit geraten. Noch ein Tipp dazu. Lest Joseph Campbells Buch über die Heldenreise „Der Heros in tausend Gestalten“ und Watzlawicks „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“. Dann erfahrt ihr, warum der Mensch so bekloppt ist.

Was muss ein perfektes Buch überhaupt bieten?
Es muss mich aufnehmen und mir neue Welten und neue Erkenntnisse eröffnen. Und natürlich muss es spannend sein und mich am Ende überraschen. Zuletzt habe ich „Was wir wissen können“ von Ian McEwan gelesen. Über der Geschichte schwebt die Beschreibung einer Welt im Jahr 2119 und wie sie sich durch Kriege und Umweltkatastrophen verändert hat. Der Titel des Buches suggeriert, dass wir dies alles hätten aufhalten können. Im zweiten Teil des Buches nimmt der Plot jedoch eine dramatische Wendung auf persönlicher Ebene der Protas, die vollkommen unabhängig von den äußeren Umständen ist. Dabei wird die Frage gestellt, zu welcher Erkenntnis wir überhaupt fähig sind. Im Fall des Protagonisten, dem Literaturwissenschaftler Tom, heißt das, inwieweit er in der Lage ist, die wahre Geschichte eines Dichters nach hundert Jahren auf Basis von Fragmenten nach den Katastrophen zu rekonstruieren. Und wie weit er tatsächlich von der Wahrheit entfernt ist. Zum Glück erfährt man im zweiten Teil die Wahrheit. Was mich an dem Buch also fasziniert ist die Rekonstruktion von Wirklichkeit und Wahrheit anhand archäologischer Funde. Also die Holzpuppe eines Steinzeitkindes, das in den Geschichtsbüchern zur religiösen Kultfigur erklärt wird, in Wahrheit aber einfach nur ein Spielzeug war. Deswegen interessieren mich Zeitreisen auch so. Wie gern würde ich wissen, was wirklich passiert ist. Jedenfalls inspirieren mich solche Bücher wie das von McEwan so sehr, dass ich den Plan entwickelt habe, ein paar lustige Götter zu erfinden, ihnen Geschichten zu schreiben und das ganze als Heilige Schrift in einer Schatulle für die Eloi der Nachwelt zu vergraben. Dann haben die wenigstens Spaß.
Hattest du schon mal eine Schreib- und/oder Leseblockade? Was hat dagegen geholfen?
Einmal kam ich mit einer Idee für eine Kurzgeschichte nicht weiter. Am dritten erfolglosen Tage sinnlosen Gemurkses ist der Text dann in der digitalen Tonne gelandet und ich habe eine neue vollkommen andere Geschichte geschrieben, die mir spontan eingefallen ist. Die war dann nach wenigen Tagen fertig. Sonst, wenn ich an meinen Romanen sitze, fällt mir zum Glück eigentlich immer was ein, selbst wenn es mal nur ein Absatz ist. Oder ich überarbeite bereits Geschriebenes. Es vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem ich nichts Kreatives mache. Weil ich sonst unzufrieden mit dem Tag bin. Ich muss mich eher dazu zwingen, mal eine Pause einzulegen.

Was sollte sich im Literaturbetrieb ändern?
Er sollte mutiger sein, damit neue Welten und Ideen entdeckt werden können. Die unabhängigen Verlage tun das zum Glück, davon könnten sich die Großen eine Scheibe abschneiden. Stattdessen veröffentlichen sie die hundertste magische Schule-Version, die hundertste Orks-gegen-Elfen-gegen-Zwerge-Version und hunderte Shades-of-Grey-Biss-zum-Morgengrauen-Bücher mit Farbschnitt. Das ist traurig. Dabei ist die Literatur so breit aufgestellt und so prall gefüllt mit tollen neuen und wichtigen Ideen. Also ran an die Buletten. Traut euch, es lohnt sich! Und dann sollte sich der Literaturbetrieb noch dringender um die Förderung der Lesekompetenz junger Menschen kümmern. Der Anspruch darf nicht sein, das Niveau der Bücher zu senken, sondern das Niveau der Lesenden zu erhöhen.
Wie siehst du die Zukunft in 100 Jahren?
Ich hoffe ja sehr, dass die Menschen noch zur Vernunft kommen. Aktuell ist aber alles andere der Fall. Es sieht eher so aus, dass sie wieder dabei sind, einen Schritt zurück zu gehen, in alten Ideologien verfallen und neue Gräben ziehen. Als müsste es erst wieder einen großen Knall geben, bis sie wieder zur Vernunft kommen und feststellen, dass Krieg keine Lösung ist. Zur Zeit bin ich da nicht so zuversichtlich. Wie schon so häufig wurde die Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch persönliche Befindlichkeiten und dem Gefühl, abgehängt zu sein, zerstört. Vielleicht schaffen es die jungen und kommenden Generationen wieder zu begreifen, welchen Wert Frieden, Versöhnung und gemeinsames Handeln haben. Wäre auch für die Umwelt und das Klima besser. Momentan sind mir zu viele auf Krawall gebürstet. Die Beleidigten werden sich rächen und höchstwahrscheinlich den Kampf gewinnen. Aber hey, hat am Ende nicht immer die dunkle Seite der Macht verloren? Unabhängig davon wird es in 100 Jahren natürlich den wohlverdienten Mondbogen-Fantasy-Preis geben, Climate Fiction ist keine Utopie mehr, KI wird sich selbst ad absurdum geführt haben und alle lieben gedruckte Bücher. Und Katzen.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!

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